Warum die aktive Sterbehilfe erlaubt sein sollte

Die Debatte um die aktive Sterbehilfe ist eine schwierige, da nicht nur die Ratio, sondern auch Emotionen und religiöse Überzeungen hierbei eine gewichtige Rolle spielen, ja spielen müssen.

Dennoch glaube ich, dass es gute Gründe gibt sich für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auszusprechen (auch wenn der Deutsche Bundestag dies bisher nicht für nötig erachtet hat.)

Bevor wir jedoch in die Debatte einsteigen scheint es notwendig einige Begriffe auseinanderzuhalten. In Deutschland bis zu einem gewissen Grad erlaubt ist die assistierte Sterbehilfe. Das heißt, dass jemand die Mittel für den Suizid bereitstellt. Die Anwendung besagter Mittel muss jedoch von dem Patienten selbst durchgeführt werden. Dabei ist zu beachten, dass die helfende Person bei der Tat nicht anwesend sein sollte, da sie sonst wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden kann. Außerdem darf dies in Deutschland nicht geschäftsmäßig durchgeführt werden. Darüber hinaus kann Ärzten für die Assistenz beim Suizid die Zulassung entzogen werden, wobei dies bisher noch nicht geschehen ist.

Davon abzugrenzen ist die aktive Sterbehilfe. Hier wird der Tötungsakt direkt von einem dritten durchgeführt. Dies ist in Deutschland verboten und wird, wenn die Willensbekundung des getöteten nicht nachvollziehbar ist, mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft. Wenn eine Willensbekundung vorliegt immerhin noch mit 6 Monaten bis 5 Jahren.

Doch warum möchte ich für das Recht auf aktive Sterbehilfe einsetzen? Nun, grundsätzlich bin ich für eine möglichst große Kontrolle über das eigene Leben und gerade in der heutigen Zeit wird ein großer Anteil von uns früher oder später in eine Situation kommen in der diese Selbstbestimmtheit bedroht ist. Menschen werden älter, als noch vor einem Jahrhundert, aber in der Regel nicht bei voller Gesundheit und so ist das Schreckensszenario sein Leben vollgestopft mit Schläuchen in einem Krankenhaus zu beenden eines, welches für viele von uns Realität werden könnte.

80% aller Deutschen wollen zu Hause sterben und 80% aller Deutschen sterben im Krankenhaus und ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber ich kenne viele Menschen, denen es sehr wichtig ist sich die Option offen zu halten selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden um sich dieses Schicksal zu ersparen, um ihre Selbstständigkeit bis zu Letzt zu behalten, oder im Falle einer neurologisch-degenerativen Krankheit ihre Persönlichkeit, ihre Angehörigen und vielleicht ihr Andenken zu beschützen.

Aber reicht nicht die gesetzliche Reglung die wir in Deutschland haben, ist der assistierte Suizid nicht ein hinreichendes Mittel um solchen Menschen einen Ausweg zu ermöglichen? Sollte ich nicht höchstens dafür argumentieren, dass Ärzte bessere Ausgangsbedingungen für die Assistenz erhalten?

Nun, als Befürworter der aktiven Sterbehilfe bin ich natürlich auch ein Befürworter des Konzepts des assistierten Suizids und bevor ich antworte möchte ich mich kurz mit dem, im US-Amerikanischen Bundesstaat Oregon 1997 verabschiedeten „Death with Dignity“ Act beschäftigen, der, im Fall von unheilbaren Krankheiten den ärztlich assistieren Suizid erlaubt. Besonders interessant wird dies durch die lange Dauer, die er schon besteht und recht präzise Statistiken und Studien, die ihn begleiten.

In den ersten 18 Jahren nahmen sich 991 Menschen das Leben, wobei das mittlere Alter bei 73 Jahren lag.

Eine dieser 991 Menschen war Brittany Maynard, die mit 29. Jahren an einem Gehirntumor litt und in ihren letzten Monaten als Aktivistin für die Sterbehilfe eintrat. Dabei stand auch bei ihr die Idee des selbstbestimmten Lebens im Vordergrund. “I am not suicidal,” schrieb sie in einem Blopost für CNN. “I do not want to die. But I am dying. And I want to die on my own terms.”

Doch nicht nur das Streben nach Selbstbestimmtheit kommt hier zum Ausdruck, sondern auch eine grundlegende Sorge in Bezug auf die Sterbehilfe.  „I am not suicidal“, aber was wäre wenn? Sollte ein Mensch, der eine schlimme Trennung hinter sich hat oder aus anderen Gründen eine depressive Episode durchläuft mit einem einfachen Telefonat und einer Terminvereinbarung sein Leben beenden können? In Deutschland nehmen sich aktuell im Jahr ca. 10000 Menschen das Leben. Die Anzahl der Versuche ist verständlicherweise schwer einzuschätzen, jedoch gehen selbst die niedrigsten Schätzungen von einem 100000 Versuchen aus, wobei hier besonders Jugendliche betroffen sind. Wenn es sich dabei tatsächlich um gescheiterte Versuche handelt und nicht um Hilferufe, wollen wir verantworten, dass diese jungen Menschen sich an Ärzte wenden können, die sicherlich nicht die gleichen Fehler begehen? (Das durchschnittliche Suizidopfer in Deutschland hatte 2014 ein Alter von 57,1 Jahren).

Natürlich nicht, aber niemand sagt, dass leichtfertig mit dem Suizidstreben von Menschen umgegangen werden sollte. In manchen Ländern, in denen die Sterbehilfe erlaubt ist muss eine unheilbare Krankheit vorliegen, in anderen braucht es zumindest die Bestätigung zweier Ärzte, die den Todeswillen des Patienten eindeutig feststellen und bescheinigen, dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist.

Auch hierzu gibt es in Oregon Zahlen. Wie bereits gesagt haben sich in den ersten 18 Jahren 991 Menschen das Leben genommen, aber 5 von 6 Menschen, die die Tabletten angefragt haben, haben sie nicht erhalten.

Wenn dies richtig gehandhabt wird, und das heißt für mich, dass psychologische Betreuung erfolgen muss, gehe ich sogar davon aus, dass es einen positiven Effekt auf die Suizidstatistiken haben wird, denn wenn ein Mensch suizidal ist und im Zuge seiner Beratung für die Sterbehilfe die nötige Hilfe bekommt um wieder ins Leben zurückzufinden, könnte dies Leben retten. Außerdem mag alleine die Option eine beruhigende Wirkung auf die Patienten haben, denn wer sich sicher ist im Zweifelsfall Hilfe zu erhalten muss nicht selber handeln und so ist es vielleicht auch interessant zu vermerken, dass in Oregon 554 Menschen die Tabletten erhielten, sie aber nie einnahmen.

Wie bereits gesagt, es geht um Kontrolle über das eigene Leben und diese kann bereits durch eine Option gestärkt werden. Hierzu sagte Brittany Maynard:  „Knowing that I can leave this life with dignity allows me to focus on living. It has provided me enourmeous peace of mind.”

Jeder soll sein Leben bis zum letzten Moment auskosten dürfen, wenn er es selbst noch als Lebenswert empfindet und hier kommen wir auch zu dem Grund, warum ich die aktive Sterbehilfe erlauben möchte und nicht nur den assistierten Suizid. Wenn ich fürchten muss die Fähigkeit zu verlieren mein Leben zu beenden, vielleicht da ich meine Arme nicht mehr richtig bewegen oder nicht mehr richtig Schlucken kann (gar kein seltenes Problem) muss ich entweder frühzeitig die Entscheidung treffen oder komplett darauf verzichten.

Ein weiteres Argument ist, dass diese Art des Suizids auch die potentiellen Passanten, Angehörigen oder Bahnfahrer vor traumatischen Erlebnissen schützt und tatsächlich gibt es sogar Hinweise darauf, dass die Familien und Freunde von Verstorbenen, die durch Sterbehilfe zu Tode gekommen sind besser mit ihrer Trauer umgehen können.

Und warum haben wir so eine andere Meinung, wenn es um Tiere geht? So kann man in der Zeitschrift Leben und Tod kann provokant formuliert finden:

Kaum hat der Tierarzt seine Diagnose verkündet, wird auch schon die Gnadenspritze aufgezogen, und die Familie versammelt sich schniefend um ihren süßen Fiffi, um ihn öhrchenkraulend auf seinem Weg in die Nichtexistenz zu begleiten. Ja, wer sich gegen diese Spritze entscheidet und das Tier lieber im heimischen Körbchen »natürlich« verrecken lässt, gilt inzwischen der Mehrheit im Lande als Tierquäler. Komischerweise aber sehen dieselben Leute das oft genau andersherum, wenn es sich beim leidenden Patienten um einen Menschen handelt. Ja, dieser kann sogar hundertmal seinen Wunsch, zu sterben, selber äußern und wird dennoch keinen Arzt finden, der ihm die finale Spritze setzt. Der Tod soll gefälligst ebenso »natürlich« über die Menschen kommen wie die Masern über Berlin.

Vielleicht zuletzt noch ein demokratisches Argument. Eine absolute Mehrheit der Deutschen, so ergab eine Umfrage um 2014 (67%) sich für die aktive Sterbehilfe aussprechen.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl sagte einst: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“ Und hieran müssen auch wir uns messen. Wenn wir jemandem sagen, dass er sich doch umbringen kann oder dass wir ihm etwas hinlegen und dann aber den Raum verlassen müssen spricht das nicht für uns. Wir sollten da sein und, wenn wir wirklich sicher sind, dass es sich um den Willen des Patienten handelt, ihm die Hand halten, damit der bittere Satz von Orson Welles: wir sterben allein, ein bisschen weniger Wahr wird.

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