{"id":146,"date":"2017-06-13T14:51:58","date_gmt":"2017-06-13T14:51:58","guid":{"rendered":"http:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/?p=146"},"modified":"2017-06-13T14:51:58","modified_gmt":"2017-06-13T14:51:58","slug":"warum-epikur-irrt-wenn-er-sagt-dass-der-tod-nicht-gefurchtet-werden-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/index.php\/2017\/06\/13\/warum-epikur-irrt-wenn-er-sagt-dass-der-tod-nicht-gefurchtet-werden-muss\/","title":{"rendered":"Warum Epikur irrt, wenn er sagt, dass der Tod nicht gef\u00fcrchtet werden muss"},"content":{"rendered":"<p>Die Idee, dass der Tod nichts ist was man f\u00fcrchten m\u00fcsste ist weit verbreitet. Schon Sokrates argumentierte in den Apologien, dass der Tod nichts Schlechtes sein k\u00f6nne, da ihn sein Daimonion, seine innere Stimme ihn nicht davor gewarnt habe und Platon selbst freute sich regelrecht auf das, was ihn nach dem Tod erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es eine in den Religionen der Welt weit verbreitete Idee, dass das eigentliche, das echte Leben erst beginnt, wenn das irdische sein Ende gefunden hat.<\/p>\n<p>Epikur jedoch h\u00e4tte dies erst einmal nicht unterschrieben. Aus seiner Sicht galt der Tod als das am meisten Schrecken verursachende \u00dcbel und genau deswegen sah er es als seien Aufgabe ihm diesen Schrecken zu nehmen.<\/p>\n<p>Dies tat er jedoch nicht, indem er den Menschen ein besseres Leben nach dem diesseitigen versprach, ganz im Gegenteil, er besch\u00e4ftigte sich mit der Frage, wie der Tod zu bewerten sei, wenn er schlicht das Ende des Bewusstseins darstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Seine Schlussfolgerung ist so klar wie plausibel: \u201eGew\u00f6hne dich an den grundlegenden Gedanken, dass der Tod f\u00fcr uns ein Nichts ist. Denn alles Gute und alles Schlimme beruht darauf, dass wir es empfinden. Verlust aber dieser Empfindungen ist der Tod. So ist also der Tod, das schauervollste \u00dcbel f\u00fcr uns ein Nichts; wenn wir da sind, ist der Tod nicht da, aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden noch die Gestorbenen an; f\u00fcr die einen ist er ja nicht vorhanden, die anderen aber sind f\u00fcr ihn nicht mehr vorhanden.\u201c Entsprechend sollten wir in unserem Leben m\u00f6glichst wenig Zeit damit zubringen uns mit dem Tod zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Aber kann diese Betrachtungsweise tats\u00e4chlich Erfolg haben? Das h\u00e4ufigste Argument, welches gegen ihn vorgebracht wird ist, dass es nicht der Tod, sondern die Erwartung des Todes ist, welcher den Menschen Probleme bereitet. Nur weil wir im Tod das Bewusstsein des Lebens verlieren hei\u00dft das nicht, dass wir im Leben das Bewusstsein des Todes verlieren.<\/p>\n<p>So meint der amerikanische Philosoph Warren Shibles, dass wir den Zustand des Todes wohl nicht f\u00fcrchten k\u00f6nnen, da wir danach nicht bei Bewusstsein sein werden, aber das wir sicherlich f\u00fcrchten k\u00f6nnen unser Bewusstsein zu verlieren (Shibles, Death: An Interdisciplinary Analysis, 1974, 38). Epikur w\u00fcrde allerdings wohl erwidern, dass dasjenige, was uns nicht zur Last f\u00e4llt, wenn es zugegen ist, uns grundlos bedr\u00fcckt, solange es noch aussteht. Und damit hat er nat\u00fcrlich recht. Wir freuen uns auf Dinge, die angenehme sind, f\u00fcrchten Dinge, die uns Leid versprechen und entsprechend sollte die Erwartung des Neutralen neutral sein.<\/p>\n<p>Vielleicht bezieht sich Shibles auch auf den Moment des Bewusstlos-werdens, der eventuell unangenehm sein k\u00f6nnte und so hat auch der Tod noch die ein oder anderen unangenehmen Nebenaspekt, wie zum Beispiel das Sterben, wobei hier Thomas Nagel mit der Feststellung einhakt: Es wird manchmal suggeriert, dass die Menschen nicht sosehr den Tod, wie den Prozess des Sterbens f\u00fcrchten. Aber ich h\u00e4tte nichts dagegen zu sterben, wenn ich danach nicht tot w\u00e4re.<a href=\"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Aber so oder so, \u00fcber diese Momente redet Epikur nicht. Ihm geht es um den Zustand des tot seins und um nichts anderes.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich w\u00fcrde ich mich den Gegenargumenten auch nicht anschlie\u00dfen wollen. Ich halte Epikurs \u00dcberlegungen f\u00fcr durchaus schl\u00fcssig und wenn Menschen in der Lage w\u00e4ren sein Argument wirklich zu verstehen k\u00f6nnte es tats\u00e4chlich dabei helfen die Furcht vor dem eigenen Ende zu mildern, aber hier ist eben auch die Krux, denn ich bezweifele stark, dass jemand in der Lage sein wird sich vorzustellen nicht zu sein.<\/p>\n<p>Hierzu kann man sehr gut Descartes heranziehen, der beobachtete, dass selbst wenn ich daran zweifele das ich bin, es immer noch das zweifelnde Ich geben muss. So kommt er dann auch zu dem allseits bekannten Schluss, Ich denke also bin ich. Und obwohl viel Kritik an diesem Satz ge\u00fcbt wurde dr\u00fcckt er dennoch einen wichtigen Aspekt der Alltagspsychologie aus: Ich kann mich nicht wegvorstellen und ich glaube, dass hierin der eigentliche Grund liegt, warum Epikurs Argument nicht greift. Wir k\u00f6nnen seine Pr\u00e4missen nicht wirklich akzeptieren, bzw. nur oberfl\u00e4chlich, etwa so, wie Mathematiker mit der Unendlichkeit, sogar verschiedener Ordnungen umgehen und diese \u201everstehen\u201c k\u00f6nnen, sich aber ebenso wenig einen unendlichen Raum vorstellen k\u00f6nnen wie jeder andere Mensch. Dies merkt man auch daran, wie wichtig es vielen Menschen ist etwas zu hinterlassen, bzw. an den Sorgen, die sich manch einer dar\u00fcber macht, was seine Browser Geschichte \u00fcber ihn aussagt, sollte er unvorhergesehen ein Ende finden. Dies w\u00e4re nat\u00fcrlich, nach Epikur v\u00f6llig unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>Aber ist dies wirklich ein so wichtiger Grund f\u00fcr die Furcht vor dem Tod? Nagel sagt nein, wenn er schreibt:<\/p>\n<p>\u201c Es wird oft gesagt, dass diejenigen, die etwas gegen den Tod einzuwenden haben den Fehler gemacht haben sich vorzustellen wie es wohl w\u00e4re tot zu sein. Dabei wird unterstellt, dass das Versagen sich dies vorzustellen (aus dem banalen Grund, dass es nichts zum Vorstellen gibt) zu der \u00dcberzeugung f\u00fchrt, dass der Tod eine mysteri\u00f6se und daher furchterregende Aussicht darstellt. Aber diese Diagnose ist offensichtlich falsch, denn es ist genauso unm\u00f6glich sich vollst\u00e4ndig bewusstlos vorzustellen [\u2026]. Dennoch sind Menschen, die den Tod f\u00fcrchten zumeist nicht so furchterf\u00fcllt, wenn es um eine Ohnmacht geht (zumindest so lange keine signifikante Verk\u00fcrzung ihres wachen Lebens damit verbunden ist).<a href=\"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/wp-admin\/post-new.php#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint Nagel ein valides Argument zu pr\u00e4sentieren: Die Vorstellung des tot-seins kann nicht so unangenehm sein, wenn die Vorstellung des Bewusstlos-seins doch auch nicht problematisch ist.<\/p>\n<p>Vielleicht holen wir das ganze mal vom abstrakten ins konkrete und \u00fcberpr\u00fcfen Nagels Annahme. Stellen wir uns nun alle einmal vor wie es ist bewusstlos zu sein\u2026.<\/p>\n<p>Fertig?<\/p>\n<p>In der Regel gibt es f\u00fcr diesen Zustand zwei Bilder:<\/p>\n<p>1)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Man sieht sich vor seinem inneren Auge selbst daliegen<\/p>\n<p>2)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Man sieh schwarz<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich also, konnten wir uns den Zustand des Nichtseins nicht vorstellen und das gilt nat\u00fcrlich sowohl f\u00fcr den Tod, als auch f\u00fcr das bewusstlos sein. Aber ich denke, dass dennoch ein Unterschied zwischen beiden besteht, denn wenn ich sie nun bitten w\u00fcrde sich vorzustellen wie es sich wohl anf\u00fchlen w\u00fcrde jetzt f\u00fcr 20 Minuten das Bewusstsein zu verlieren w\u00fcrden sie sich wahrscheinlich vorstellen das ihnen schwarz vor Augen wird\u2026also der noch bewusste Teil des Bewusstlos-werdens und dann w\u00fcrden sie sich vorstellen in einer anderen Position, vielleicht an einem anderen Ort, auf einer Couch oder vielleicht sogar im Krankenhaus, wahrscheinlich noch leicht benommen, die Augen wieder zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Hier ist der Unterschied. Wir alle wissen wie es ist bewusstlos zu werden, man nennt es Schlaf, aber gleichzeitig, wenn wir dar\u00fcber nachdenken ist das wiedererwachen direkt mitgedacht.<\/p>\n<p>So handelt es sich lediglich um eine Pause, die wir nicht einmal mitbekommen, sich aber vorzustellen in dieser Pause zu verschwinden ist furchteinfl\u00f6\u00dfend und zwar gerade, weil wir es nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nagel 1979 p.10 [It is sometimes suggested that what we really mind is the process of dying. But I should not really object to dying were it not followed by death]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nagel 1979 pp.3-4 (\u201cIt is often said that those who object to death have made the mistake of trying to imagine what it is like to be dead. It is alleged that the failure to realize that this task is logically impossible (for the banal reason that there is nothing to imagine) leads to the conviction that death is mysterious and therefore a terrifying prospective state. But this diagnosis is evidently false, for it is just as impossible to imagine being totally unconscious as to imagine being dead [\u2026]. Yet people who are averse to death are not usually averse to unconsciousness (so long as it does not entail a substantial cut in the total duration of waking life)\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Idee, dass der Tod nichts ist was man f\u00fcrchten m\u00fcsste ist weit verbreitet. Schon Sokrates argumentierte in den Apologien, dass der Tod nichts Schlechtes sein k\u00f6nne, da ihn sein Daimonion, seine innere Stimme ihn nicht davor gewarnt habe und Platon selbst freute sich regelrecht auf das, was ihn nach dem Tod erwarten w\u00fcrde. 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