{"id":127,"date":"2017-04-06T14:06:38","date_gmt":"2017-04-06T14:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/?p=127"},"modified":"2017-04-06T14:13:48","modified_gmt":"2017-04-06T14:13:48","slug":"warum-die-aktive-sterbehilfe-erlaubt-sein-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luftschloss.traumlabor.com\/index.php\/2017\/04\/06\/warum-die-aktive-sterbehilfe-erlaubt-sein-sollte\/","title":{"rendered":"Warum die aktive Sterbehilfe erlaubt sein sollte"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um die aktive Sterbehilfe ist eine schwierige, da nicht nur die Ratio, sondern auch Emotionen und religi\u00f6se \u00dcberzeungen hierbei eine gewichtige Rolle spielen, ja spielen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dennoch glaube ich, dass es gute Gr\u00fcnde gibt sich f\u00fcr die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auszusprechen (auch wenn der Deutsche Bundestag dies bisher nicht f\u00fcr n\u00f6tig erachtet hat.)<\/p>\n<p>Bevor wir jedoch in die Debatte einsteigen scheint es notwendig einige Begriffe auseinanderzuhalten. In Deutschland bis zu einem gewissen Grad erlaubt ist die assistierte Sterbehilfe. Das hei\u00dft, dass jemand die Mittel f\u00fcr den Suizid bereitstellt. Die Anwendung besagter Mittel muss jedoch von dem Patienten selbst durchgef\u00fchrt werden. Dabei ist zu beachten, dass die helfende Person bei der Tat nicht anwesend sein sollte, da sie sonst wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden kann. Au\u00dferdem darf dies in Deutschland nicht gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrt werden. Dar\u00fcber hinaus kann \u00c4rzten f\u00fcr die Assistenz beim Suizid die Zulassung entzogen werden, wobei dies bisher noch nicht geschehen ist.<\/p>\n<p>Davon abzugrenzen ist die aktive Sterbehilfe. Hier wird der T\u00f6tungsakt direkt von einem dritten durchgef\u00fchrt. Dies ist in Deutschland verboten und wird, wenn die Willensbekundung des get\u00f6teten nicht nachvollziehbar ist, mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft. Wenn eine Willensbekundung vorliegt immerhin noch mit 6 Monaten bis 5 Jahren.<\/p>\n<p>Doch warum m\u00f6chte ich f\u00fcr das Recht auf aktive Sterbehilfe einsetzen? Nun, grunds\u00e4tzlich bin ich f\u00fcr eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Kontrolle \u00fcber das eigene Leben und gerade in der heutigen Zeit wird ein gro\u00dfer Anteil von uns fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in eine Situation kommen in der diese Selbstbestimmtheit bedroht ist. Menschen werden \u00e4lter, als noch vor einem Jahrhundert, aber in der Regel nicht bei voller Gesundheit und so ist das Schreckensszenario sein Leben vollgestopft mit Schl\u00e4uchen in einem Krankenhaus zu beenden eines, welches f\u00fcr viele von uns Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>80% aller Deutschen wollen zu Hause sterben und 80% aller Deutschen sterben im Krankenhaus und ich wei\u00df nicht, wie es bei euch ist, aber ich kenne viele Menschen, denen es sehr wichtig ist sich die Option offen zu halten selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden um sich dieses Schicksal zu ersparen, um ihre Selbstst\u00e4ndigkeit bis zu Letzt zu behalten, oder im Falle einer neurologisch-degenerativen Krankheit ihre Pers\u00f6nlichkeit, ihre Angeh\u00f6rigen und vielleicht ihr Andenken zu besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Aber reicht nicht die gesetzliche Reglung die wir in Deutschland haben, ist der assistierte Suizid nicht ein hinreichendes Mittel um solchen Menschen einen Ausweg zu erm\u00f6glichen? Sollte ich nicht h\u00f6chstens daf\u00fcr argumentieren, dass \u00c4rzte bessere Ausgangsbedingungen f\u00fcr die Assistenz erhalten?<\/p>\n<p>Nun, als Bef\u00fcrworter der aktiven Sterbehilfe bin ich nat\u00fcrlich auch ein Bef\u00fcrworter des Konzepts des assistierten Suizids und bevor ich antworte m\u00f6chte ich mich kurz mit dem, im US-Amerikanischen Bundesstaat Oregon 1997 verabschiedeten \u201eDeath with Dignity\u201c Act besch\u00e4ftigen, der, im Fall von unheilbaren Krankheiten den \u00e4rztlich assistieren Suizid erlaubt. Besonders interessant wird dies durch die lange Dauer, die er schon besteht und recht pr\u00e4zise Statistiken und Studien, die ihn begleiten.<\/p>\n<p>In den ersten 18 Jahren nahmen sich 991 Menschen das Leben, wobei das mittlere Alter bei 73 Jahren lag.<\/p>\n<p>Eine dieser 991 Menschen war Brittany Maynard, die mit 29. Jahren an einem Gehirntumor litt und in ihren letzten Monaten als Aktivistin f\u00fcr die Sterbehilfe eintrat. Dabei stand auch bei ihr die Idee des selbstbestimmten Lebens im Vordergrund. \u201cI am not suicidal,\u201d schrieb sie in einem Blopost f\u00fcr CNN. \u201cI do not want to die. But I am dying. And I want to die on my own terms.\u201d<\/p>\n<p>Doch nicht nur das Streben nach Selbstbestimmtheit kommt hier zum Ausdruck, sondern auch eine grundlegende Sorge in Bezug auf die Sterbehilfe. \u00a0\u201eI am not suicidal\u201c, aber was w\u00e4re wenn? Sollte ein Mensch, der eine schlimme Trennung hinter sich hat oder aus anderen Gr\u00fcnden eine depressive Episode durchl\u00e4uft mit einem einfachen Telefonat und einer Terminvereinbarung sein Leben beenden k\u00f6nnen? In Deutschland nehmen sich aktuell im Jahr ca. 10000 Menschen das Leben. Die Anzahl der Versuche ist verst\u00e4ndlicherweise schwer einzusch\u00e4tzen, jedoch gehen selbst die niedrigsten Sch\u00e4tzungen von einem 100000 Versuchen aus, wobei hier besonders Jugendliche betroffen sind. Wenn es sich dabei tats\u00e4chlich um gescheiterte Versuche handelt und nicht um Hilferufe, wollen wir verantworten, dass diese jungen Menschen sich an \u00c4rzte wenden k\u00f6nnen, die sicherlich nicht die gleichen Fehler begehen? (Das durchschnittliche Suizidopfer in Deutschland hatte 2014 ein Alter von 57,1 Jahren).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht, aber niemand sagt, dass leichtfertig mit dem Suizidstreben von Menschen umgegangen werden sollte. In manchen L\u00e4ndern, in denen die Sterbehilfe erlaubt ist muss eine unheilbare Krankheit vorliegen, in anderen braucht es zumindest die Best\u00e4tigung zweier \u00c4rzte, die den Todeswillen des Patienten eindeutig feststellen und bescheinigen, dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unertr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p>Auch hierzu gibt es in Oregon Zahlen. Wie bereits gesagt haben sich in den ersten 18 Jahren 991 Menschen das Leben genommen, aber 5 von 6 Menschen, die die Tabletten angefragt haben, haben sie nicht erhalten.<\/p>\n<p>Wenn dies richtig gehandhabt wird, und das hei\u00dft f\u00fcr mich, dass psychologische Betreuung erfolgen muss, gehe ich sogar davon aus, dass es einen positiven Effekt auf die Suizidstatistiken haben wird, denn wenn ein Mensch suizidal ist und im Zuge seiner Beratung f\u00fcr die Sterbehilfe die n\u00f6tige Hilfe bekommt um wieder ins Leben zur\u00fcckzufinden, k\u00f6nnte dies Leben retten. Au\u00dferdem mag alleine die Option eine beruhigende Wirkung auf die Patienten haben, denn wer sich sicher ist im Zweifelsfall Hilfe zu erhalten muss nicht selber handeln und so ist es vielleicht auch interessant zu vermerken, dass in Oregon 554 Menschen die Tabletten erhielten, sie aber nie einnahmen.<\/p>\n<p>Wie bereits gesagt, es geht um Kontrolle \u00fcber das eigene Leben und diese kann bereits durch eine Option gest\u00e4rkt werden. Hierzu sagte Brittany Maynard:\u00a0 \u201eKnowing that I can leave this life with dignity allows me to focus on living. It has provided me enourmeous peace of mind.\u201d<\/p>\n<p>Jeder soll sein Leben bis zum letzten Moment auskosten d\u00fcrfen, wenn er es selbst noch als Lebenswert empfindet und hier kommen wir auch zu dem Grund, warum ich die aktive Sterbehilfe erlauben m\u00f6chte und nicht nur den assistierten Suizid. Wenn ich f\u00fcrchten muss die F\u00e4higkeit zu verlieren mein Leben zu beenden, vielleicht da ich meine Arme nicht mehr richtig bewegen oder nicht mehr richtig Schlucken kann (gar kein seltenes Problem) muss ich entweder fr\u00fchzeitig die Entscheidung treffen oder komplett darauf verzichten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Argument ist, dass diese Art des Suizids auch die potentiellen Passanten, Angeh\u00f6rigen oder Bahnfahrer vor traumatischen Erlebnissen sch\u00fctzt und tats\u00e4chlich gibt es sogar Hinweise darauf, dass die Familien und Freunde von Verstorbenen, die durch Sterbehilfe zu Tode gekommen sind besser mit ihrer Trauer umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und warum haben wir so eine andere Meinung, wenn es um Tiere geht? So kann man in der Zeitschrift Leben und Tod kann provokant formuliert finden:<\/p>\n<p>Kaum hat der Tierarzt seine Diagnose verk\u00fcndet, wird auch schon die Gnadenspritze aufgezogen, und die Familie versammelt sich schniefend um ihren s\u00fc\u00dfen Fiffi, um ihn \u00f6hrchenkraulend auf seinem Weg in die Nichtexistenz zu begleiten. Ja, wer sich gegen diese Spritze entscheidet und das Tier lieber im heimischen K\u00f6rbchen \u00bbnat\u00fcrlich\u00ab verrecken l\u00e4sst, gilt inzwischen der Mehrheit im Lande als Tierqu\u00e4ler. Komischerweise aber sehen dieselben Leute das oft genau andersherum, wenn es sich beim leidenden Patienten um einen Menschen handelt. Ja, dieser kann sogar hundertmal seinen Wunsch, zu sterben, selber \u00e4u\u00dfern und wird dennoch keinen Arzt finden, der ihm die finale Spritze setzt. Der Tod soll gef\u00e4lligst ebenso \u00bbnat\u00fcrlich\u00ab \u00fcber die Menschen kommen wie die Masern \u00fcber Berlin.<\/p>\n<p>Vielleicht zuletzt noch ein demokratisches Argument. Eine absolute Mehrheit der Deutschen, so ergab eine Umfrage um 2014 (67%) sich f\u00fcr die aktive Sterbehilfe aussprechen.<\/p>\n<p>Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl sagte einst: \u201eDie Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schw\u00e4chsten Mitgliedern umgeht.\u201c Und hieran m\u00fcssen auch wir uns messen. Wenn wir jemandem sagen, dass er sich doch umbringen kann oder dass wir ihm etwas hinlegen und dann aber den Raum verlassen m\u00fcssen spricht das nicht f\u00fcr uns. Wir sollten da sein und, wenn wir wirklich sicher sind, dass es sich um den Willen des Patienten handelt, ihm die Hand halten, damit der bittere Satz von Orson Welles: wir sterben allein, ein bisschen weniger Wahr wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um die aktive Sterbehilfe ist eine schwierige, da nicht nur die Ratio, sondern auch Emotionen und religi\u00f6se \u00dcberzeungen hierbei eine gewichtige Rolle spielen, ja spielen m\u00fcssen. 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